„Made in Germany“: RTL und die Angst vor relevanter Unterhaltung

Das ärgert mich jetzt wirklich: RTL hat laut dwdl.de die Doku-Coaching-Soap „Made in Germany“ (Link zur ersten Folge bei RTL now) bereits nach der Pilotfolge vom Primetime-Platz hinter „Wer wird Millionär“ ins sonntägliche Nachmittagsloch gestoßen. Schuld war natürlich die Quote. 3,38 Millionen Zuschauer waren scheinbar zu wenig. Vielleicht lag es auch am schlechten Marktanteil in der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen 11,4%), dass jetzt der „Undercover Boss“ nach Jauch ins Rennen gehen darf.

Jetzt werdet Ihr vielleicht die Achseln zucken. Aber mich macht es wütend, dass ein einigermaßen seriöses Doku-Format in heller Panik abgeschossen wird, weil das Thema beim ein oder anderen Zuschauer den Griff zur Fernbedienung auslöst. In „Made in Germany“ geht es um Langzeitarbeitslosigkeit. Die Augsburger Unternehmerin Sina Trinkwalder wird beim Versuch begleitet, den Unvermittelbaren eine neue Perspektive zu geben. Und das ausgerechnet in der Kleidungsindustrie, von der wir drei Dinge ganz genau wissen:

  1. Sie ist fast komplett nach Asien abgewandert.
  2. Der Trigema-Chef hält dagegen, nervt aber kolossal.
  3. Alles industrielle Massenproduktion oder unerschwingliche Einzelstücke.

Von Sina Trinkwalder habe ich in der ersten Folge von „Made in Germany“ einiges dazu gelernt: Nähen ist eine Höllenarbeit. Augsburg war einst ein wichtiges Modezentrum. Man kann in Deutschland mit der Produktion von Stofftaschen Geld verdienen und Arbeitsplätze schaffen. Zumindest Sina Trinkwalder kann das. Die Unternehmerin strotzt vor Energie und wird sichtlich vom Wunsch angetrieben, Menschen zu helfen. Also startet sie ein neues Projekt: Statt Stofftaschen werden Unterhosen genäht, und die Arbeitsplätze werden nicht nur an Näherinnen vergeben, sondern auch an ungelernte Langzeitarbeitslose.

Das Konzept erinnert an Rachs Restaurantschule, auch ein RTL-Format. Auch im Umgang mit den Beschäftigten. Denn im Unterschied zu Soaps auf „Bauer sucht Frauentausch“-Niveau werden die Teilnehmer nicht zur Schau gestellt, sondern ernst genommen. Das lässt sich schwer beschreiben, denn die Grenze zwischen Porträt und Bloßstellung ist schwer zu ziehen. Und natürlich wird auch bei „Made in Germany“ auf die Tränendrüse gedrückt. Als Versuch, das Thema Langzeitarbeitslosigkeit so aufzubereiten, dass beim Zuschauer Verständnis für die Problematik geweckt wird, taugt die Serie allemal. Das liegt vor allem an Sina Trinkwalder, deren Umgang mit den Bewerbern in der ersten Folge so empathisch und zugleich professionell war, dass sie bei mir sofort in eine Vorbildrolle rutschte.

Jetzt aber hat RTL den Faden abgeschnitten. Der unterhaltsame Kurs in Mitarbeiterführung findet abseits der Quote statt. Wieder einmal eine verpasste Chance, die den zuletzt von Wolfgang Lieb schön beschriebenen Niedergang des Privatfernsehens in den vergangenen 30 Jahren illustriert. Man sollte das bedauern, denn wir brauchen unterhaltsame Formate zu schwierigen Themen. Aber bitte zur besten Sendezeit. Denn nur relevante Unterhaltung, die zumindest einen Fetzen Stoff zum Nachdenken birgt, ist gute Unterhaltung.

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